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Vor 125 Jahren nahm die „Handwerker-Credit-Genossenschaft“ in Burghausen ihren Betrieb auf – heute „meine Volksbank Raiffeisenbank eG Burghausen“
Ein Beitrag von Stadtarchivarin Eva Gilch

Die Burghauser Filiale der „meine Volksbank Raiffeisenbank eG“ kann heuer auf 125 Jahre als Genossenschaftsbank zurückblicken. 16 Mitglieder gründeten am 4. November 1900 die

„Handwerker-Credit-Genossenschaft“ in Burghausen. Am 7. Januar 1901 nahmen sie den Betrieb auf der Grundlage ihrer Geschäftsordnung auf. Kurze Zeit später war im Burghauser Anzeiger ein großes Inserat zu lesen. Bei Stadtpfarrkooperator Josef Nagler, dem Kassier und Schriftführer der Genossenschaft, konnten sonntags von 10 bis 12 Uhr und Montag und Donnerstag von 13 bis 14 Uhr Gelder eingezahlt werden. Der Zinssatz belief sich auf 3 % bei Einzahlungen bis 100 Mark und auf 4 % ab 100 Mark. Das Geschäftslokal befand sich im Haus von Kooperator Nagler am Burgsteig 27. Die „Verzinsung der verfügbaren Geldvorräte der Mitglieder“ war gemäß Gründungsstatuten ein Ziel der Genossenschaft. Ein weiteres war

„die Beschaffung der erforderlichen Betriebsmittel zum Zwecke der Förderung des Erwerbes und der Wirtschaft der Mitglieder“. Tatsächlich vergab die Genossenschaft bereits am 13. Januar das erste Darlehen in Höhe von 300 Mark. Genossenschaftsmitglied durfte werden, wer in Burghausen und den angrenzenden bayerischen Gemeinden wohnte, im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte sowie selbstständiger Handwerker oder Gewerbetreibender war. Auch Frauen waren als Mitglieder zugelassen. Sie mussten Inhaberin eines selbstständigen Handwerksbetriebes oder Gewerbes sein. Jedes Mitglied musste einen Geschäftsanteil von 100 Mark einlegen.

Die „Handwerker-Credit-Genossenschaft“ war nicht die erste Bankengründung in Burghausen und der Region. Die 1853 gegründete Distriktshilfskasse Burghausen ging zum 1. Januar 1861 in der „Distrikts-Sparkassa“ auf. Sie hatte den Zweck, die Geldersparnisse inbesondere von Minderjährigen, Dienstboten, Gesellen und Taglöhnern sicher anzulegen. Am 1. Januar 1868 bildete sich in Burghausen ein „Kreditverein“ mit Bürgermeister Joseph Hamel als Vorstand, „um einerseits den momentan Bedrängten die nöthige Hilfe bieten zu können, anderseits den sich immer mehrenden Zinswucher zu steuern.“ Der Verein löste sich 1889 auf. Ab den 1880er Jahren häuften sich im Burghauser Anzeiger die Anzeigen mit Kreditangeboten.

 

Die Gründung von Kreditgenossenschaften ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ihre Ursache in den Finanzierungsproblemen von Landwirtschaft und Handwerk. Mit der Bauernbefreiung und der Einführung der Gewerbefreiheit im 19. Jahrhundert waren Landwirte wie auch Handwerker und Gewerbetreibende freie Unternehmer und selbstverantwortliche Produzenten geworden. Ihre Betriebe benötigten Kapital, um auf dem freien Markt konkurrieren zu können. Die zu jener Zeit bestehenden Groß- und Privatbanken hatten jedoch nicht die Finanzierung des Mittelstandes im Blick. Dem Kreditwucher war dadurch Tür und Tor geöffnet. Aus dieser Situation heraus gründeten Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen Genossenschaften mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten. Aus den landwirtschaftlich-dörflich orientierten Kreditgenossenschaften Raiffeisens entstanden die späteren Raiffeisenbanken, aus den gewerblich-städtisch orientierten von Schulze-Delitzsch die späteren Volksbanken.

 

In Bayern gab es im ländlichen Raum bereits über 1800 Raiffeisen-Kreditgenossenschaften und 122 gewerbliche Genossenschaften, als die Burghauser „Handwerker-Credit-Genossenschaft“ im Januar 1901 ihren Betrieb aufnahm. Vorstand und Aufsichtsrat lesen sich wie das „Who‘s who“ der Burghauser Handwerkerschaft: Bäckermeister Lorenz Hurler als Vorstandsvorsitzender, Schreinermeister Georg Schmidtner aus Heiligkreuz und Schneidermeister Josef Witter als Vorstände. Im Aufsichtsrat saßen geistlicher Rat Anton Meisinger als Vorsitzender, Kupferschmiedmeister Johann Metzenleitner, Hafnermeister Martin Kreutzhuber, Strickermeister Wolfgang Heiß, Schuhmachermeister Franz Siegler und Schmiedemeister Josef Strobl. Die Genossenschaft wuchs stetig und 1913 konnten bereits 5

% Dividende ausgezahlt werden. In diesem Jahr warb die Genossenschaft mit den zu jener Zeit aufkommenden „Heimsparkassen“. Sparer erhielten eine schwere, metallene Sparbüchse, um dort ihr Erspartes einzulegen. Der Schlüssel verblieb bei der Genossenschaft. Bei der Leerung wurde das Geld von der Genossenschaft gegen einen festen Zinssatz angelegt.

 

In den folgenden Jahrzehnten änderten sich der Name und auch der Standort der Kreditgenossenschaft. 1914 erfolgten die Umbenennung in „Gewerbekasse Burghausen e.G.m.b.H.“ und 1921 in „Gewerbe- und Landwirtschafts-Bank Burghausen und Umgebung e.G.m.b.H.“. Damit verbunden waren der Umzug in das von der Bank angekaufte Haus in den Grüben 126 sowie die Anstellung eines ersten hauptamtlichen Geschäftsführers. 1934 zog die Bank in die Grüben 168, heute das städtische Kulturbüro, um und eröffnete angesichts des städtebaulichen Wachstums der Neustadt dort die erste Zweigstelle an der Ecke Max-Eyth-/Robert-Koch-Straße. 1939 wurde das Geldinstitut in „Volksbank Burghausen e.G.m.b.H.“ umbenannt. Die Volksbank erwarb das Haus am Stadtplatz 41/42 und ließ es von Architekt Rudolf Fröhlich grundlegend sanieren. Mit der Einweihung 1954 fanden hier neben der neuen Hauptstelle der Volksbank auch das Ankerkino, die Likörerzeugung und Weinhandlung M. Weiß & Co. sowie die Grenzpolizei neue Räumlichkeiten. Die Gründung zahlreicher Zweigstellen und der Neubau der Hauptstelle in der Robert-Koch-Straße 28, heute Sitz des Campus Burghausen der TH Rosenheim, folgten. 2006 fusionierte die Volksbank Burghausen mit der VR-Bank Mühldorf-Ampfing zur VR-Bank Burghausen-Mühldorf und diese wiederum 2015 mit der VR meine Raiffeisenbank eG. Heute gehört die Filiale Burghausen zur meine Volksbank Raiffeisenbank eG mit Sitz in Rosenheim.

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