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Was gibt es Neues in Burghausen?

Hochkarätige Referenten beim Burghauser Wirtschaftsgespräch

Mit Dr. Günter von Au (Vorsitzender der bayerischen Chemieverbände), Dr. Rudolf Staudigl (Vorstandsvorsitzender Wacker Chemie) und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Hermann (Präsident der Technischen Universität München) hatte Burghausens Erster Bürgermeister Hans Steindl kürzlich drei hochkarätige Referenten zum Wirtschaftsgespräch ins Kloster Raitenhaslach geladen. Das Thema: „Wirtschaft am Scheideweg – Zukunft der Industrie im Chemiedreieck“.
Die eher düsteren Prognosen des Abends passten so gar nicht zu der tollen Atmosphäre im Prälatengarten, wo noch bis Mitternacht unter den Teilnehmern des Wirtschaftsgesprächs gefachsimpelt wurde.  Fotocredit: Stadt Burghausen/Obele

Die eher düsteren Prognosen des Abends passten so gar nicht zu der tollen Atmosphäre im Prälatengarten, wo noch bis Mitternacht unter den Teilnehmern des Wirtschaftsgesprächs gefachsimpelt wurde. Fotocredit: Stadt Burghausen/Obele

Fotocredit: Stadt Burghausen/Obele

Fotocredit: Stadt Burghausen/Obele

In seinen einführenden Worten machte das Stadtoberhaupt klar, dass es sich trotz des Ambientes um keine Wohlfühlveranstaltung handele, „denn wir müssen die Finger in die Wunde legen. Unsere Referenten, die in ihren vielfältigen Funktionen auf der ganzen Welt unterwegs sind, werden uns das Fundament erklären, auf dem wir Lokalpolitiker zukünftig Überzeugungsarbeit leisten müssen. Denn wir stehen vor einem Paradigmenwechsel und Strukturwandel. Durch die Energiewende, die Globalisierung des internationalen Wettbewerbes, der Formierung neuer Welthandelszonen sowie die Spaltung Europas und den gesellschaftlichen Wandel stehen wir vor ganz großen Herausforderungen.“ Erster Bürgermeister Hans Steindl stellte Burghausen aus seiner Sicht vor, eine Stadt, die wie keine andere einen Industriekomplex, einen historischen Stadtkern und ein Naturschutzgebiet sowie einen Bannwald in einem weitläufigen Gebiet vereine. 80 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen von 67 Mio. Euro kämen aus der Industrie, weshalb die Standort- und Lebensqualität sowie die Arbeitsplatzsituation eng mit der zukünftigen Entwicklung der Wirtschaft im Industriedreieck zusammenhänge.

Die Stadt als Unternehmen mit vier 100-prozentigen Tochtergesellschaften sowie Beteiligungen in der Campus GmbH, bei Regio-Invest und der Wärmeversorgung Burghausen sei starker Wirtschaftspartner. Ein weiteres Beispiel sei die Erfolgsgeschichte des KV-Terminals, der allerdings die unternehmerische Verpflichtung und auch das Risiko beinhaltet, das Terminal 20 Jahre lang jeweils 24 Stunden betriebsbereit zu halten. In diesem Zusammenhang wirkten auch bisher ungelöste Probleme auf die Region zurück, wie der Brenner-Basistunnel, bei dem es bis jetzt noch keine Entscheidung gibt, der Ausbau der A 94 Richtung Passau, die unklare Zukunft der dritten Startbahn am Flughafen München , die PFOA-Belastung, die Probleme mit der zukünftigen Strom-Trassenführungen sowie das Gas-Dampf-Kraftwerk, das bisher nicht realisiert werden konnte. „Wir bekommen auch schon die ersten Auswirkungen zu spüren, denn heuer müssen wir unseren Haushalt von 70 Mio. Euro auf 40. Mio. Euro korrigieren, weil wir rund 30 Mio. weniger Steuern einnehmen werden“, so Bürgermeister Hans Steindl.

Dr. Günter von Au: „Ohne funktionierende Chemieindustrie ist kein Klimawandel möglich“

Dr. Günter von Au bedauerte, dass die große Politik ihre Wähler nicht mehr mit Fakten, sondern nur noch über Emotionen erreichen könne: „Wenn man Entscheidungen trifft, sollten diese schon auf Fakten, nicht auf Emotionen basieren.“ Als Beispiel nannte der Vorsitzende der bayerischen Chemieverbände den Klimaschutz: „Die chemische Industrie ist nicht nur die Quelle unseres Wohlstandes, sondern auch die Basis für einen funktionierenden Klimaschutz. Kein Produkt, das für den Klimaschutz notwendig ist, ist ohne Chemie herstellbar. Zum Beispiel Photovoltaik oder Windräder sind ohne chemische Verbundstoffe nicht möglich. Wir sind also Teil der Lösung, nicht des Problems“. Von Au stellte dar, dass Deutschland in Sachen Klimaschutz ganz vorne dabei ist: „Wir haben es in Deutschland geschafft, bei einer Produktionssteigerung von 70 Prozent über 50 Prozent CO2-Ausstoß zu reduzieren. Klimaschutz in Deutschland macht aber nur Sinn, wenn China, Indien und die USA auch einsteigen, die Verursacher der größten CO2-Emissionen sind.“

Von Au sieht die deutschen Firmen im internationalen Wettbewerb klar im Nachteil: „Wenn die Industrie aus der EU durch Kosten, die durch die Klimapolitik entstehen, noch weiter benachteiligt wird, wird es höchst unerfreuliche Nebeneffekte geben. Zum einen gehen bei geringerer Wettbewerbsfähigkeit die Gewinne, somit die Investitionen und die Arbeitsplätze zurück, und all das, was den bayerischen Wohlstand begründet hat, erodiert.“ Der zweite Nebeneffekt sei ebenso wichtig zu verstehen: Wenn zum Beispiel das Silicium für Solarzellen nicht mehr in Burghausen, sondern in China hergestellt würde, gäbe es dort es eine geringere Effizienz und einen ganz anderen Energiemix – mit viel, viel mehr Kohle. Die Herstellung von einem Kilogramm Silizium in China bedeute 2,5-mal mehr CO2 –Ausstoß. „Wollen wir das? Kann das das sein, was die Klimaschützer wollen? Klima macht nicht an den Grenzen Halt. Es ist doch absurd, wenn Klimaschutz in Deutschland global gesehen zu höheren Werten führt als vorher. Um das zu ändern muss der Strompreis in Deutschland sinken und eine Preis- und Versorgungsicherheit gewährleistet sein.“ Mit dem geplanten Atom- und Kohleausstieg bis 2038 sei diese Sicherheit aber nicht gegeben. Dafür müssten bis dahin noch 65 Gaskraftwerke gebaut werden, und das sei unrealistisch. Die Politik dürfe sich nicht instrumentalisieren lassen, „wir müssen mit Überzeugungskraft und Fakten argumentieren, ich fordere Sachverstand über die logischen Zusammenhänge und Fakten anstatt Emotionen“, so von Au.

Dr. Rudolf Staudigl: „Deutsche Energiewende läuft bisher ohne Plan und Strategie.“

„Deutschland steht nicht am Scheideweg, sondern ist falsch abgebogen“, das proklamierte Dr. Rudolf Staudigl. Der Vorstandsvorsitzende der Wacker Chemie prangerte an, dass China mit 75 Prozent weniger Strom- und fünf Prozent weniger Personalkosten eine viel bessere Basis habe als Deutschland. Prognosen zeigten, dass China so bis 2020 50 Prozent des Weltchemiemarktes innehaben wird. „Wir haben hier keine Technologieprobleme, sondern die Voraussetzungen hemmen unsere Wirtschaft“, davon ist Dr. Staudigl überzeugt. „Wir können mit Strom viele neue Prozesse entwickeln, die klimafreundliche Energie herstellen. Alles ist möglich, aber nur mit günstigem Strom. Denn in der chemischen Industrie laufen alle Prozesse sehr stromintensiv ab.“ Die deutsche Energiewende laufe bisher aber ohne Plan und Strategie, und das auf die Kosten der Industrie. Denn selbst, wenn in Deutschland den CO2-Ausstoß völlig reduziert werden würde, hätte man nichts erreicht.

In Asien würden weiter Kohlekraftwerke gebaut und unsere Politik lehne jeden Blick auf die Realität ab. Auch Staudigl plädiert deshalb dafür, den Strompreis zu senken, um eine Abwanderung der klimafreundlichen Produktion aus Deutschland zu verhindern: „Im Interesse des Klimaschutzes ist es eigentlich nötig, energieintensive Unternehmen nach Europa zu ziehen, damit dort saubere Energie verwendet wird.“ Dazu gehöre auch, die Energiewende systematisch zu planen und durchzuführen, die Produktivität zu steigern, Innovationen zu fördern, fossile Rohstoffe zu ersetzen und das Wachstum innerhalb der EU in Bezug auf Qualität, nicht auf Quantität zu fördern. „Wir sind in Deutschland himmelweit entfernt von der wirtschaftlichen Nutzung potentieller Möglichkeiten“, ist der Vorstandsvorsitzende überzeugt. „Deshalb rufe ich zur Revolution der Wissenschaftler und der Anständigen auf.“

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Hermann: „Weniger die Industrie, die Gesellschaft steht am Scheideweg“

Ganz so düster wie seine Vorredner mochte Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Hermann (Präsident der TUM) das Thema des Abends nicht sehen: „Es gab immer schon gute und schlechte Zeiten für die Industrie“, so der Professor, „und immer haben wird am Ende etwas Positives daraus gezogen. Ich glaube auch, dass nicht die Industrie, sondern die Gesellschaft am Scheideweg steht.“ Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Hermann ist sich sicher, dass unsere Gesellschaft viel zu wenig unternehmerisch tickt. „Wir müssten viel mehr selbst in die Hand nehmen und risikobereiter sein, denn dann wird es gelingen, den technischen Fortschritt zu realisieren.“ Das könnte zum einen dadurch gelingen, dass die jungen Menschen kritisch und kritikfähig erzogen werden und sie von Technik und Naturwissenschaften begeistert werden können.

„Ich plädiere für eine Bildungsoffensive für Lehrer. Es genügt nicht mehr, einfach den Schulstoff durchzunehmen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, nur die besten Fachleute für neue Technologien im eigenen Land auszubilden oder herzuholen. Wir müssen ein Einwanderungsland für die Besten werden, wir müssen international ticken und völlig neue Produktionstechnologien, Biotechnologien und -ökonomie anbieten.“ Mit einem positiven Ausblick beendete der Professor den offiziellen Teil des Abends: „Ich bin Optimist und nicht bange, dass wir die jetzigen Probleme nicht packen werden.“ – ao, 15.07.2019

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