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Journey

15.03.-13.04.2003

Gernot Lindner

 

Eine glitzernde Wasserfläche. Ein Schuss durchschlägt die Stille. Töne trennen die Bilder, gliedern sie in Sequenzen. Was die Komposition des Bildes in der Fläche ausmacht, übernehmen die Töne in den Videosequenzen, sie setzen Abschnitte fest, führen durch das Bild und fügen der zweiten Dimension eine weitere, die der Zeit hinzu. Sie durchfluten permanent und wiederkehrend den Raum. Das Bild ist Dokument, die Fiktion wird durch Töne hinzugefügt. Die Töne steigern die Erwartungshaltung und lösen eine Spannung aus, zumal sie hier meist aus einer verunsichernden, untergründig bedrohlich wirkenden Skala gewählt wurden.

Malerei – Foto - Video. Parallel zu seinen stillen, meditativen Bildern setzt Gernot Lindner seit einigen Jahren die Videotechnik ein. Rückblickend erscheint es nur logisch, dass er mit seiner Methode, die Dinge gleichsam durch die Zeitlupe zu betrachten, eigentlich dazu gezwungen wurde, die Intensität geeigneter Motive durch das Medium Video zu verstärken. Gegenüber dem stehenden, stummen Bild verändert sich die Wahrnehmung. Die insistierende Wiederholung der gewählten Sequenz wirkt nachhaltig auf das Bildgedächtnis ein, es wird nicht nur, wie man oberflächlich annehmen könnte, der Rhythmus gespeichert, sondern auch die Erinnerung an das Motiv wird verstärkt. Insofern ist die Abfolge des Rhythmus das wichtigste Element für die Manifestation des Motivs und die bleibende Erinnerung. Der Rhythmus vollzieht sich sowohl visuell, in der Abfolge der Bildausschnitte, wie auch akustisch durch die Wiederholung der Tonsequenzen. Auf diese Weise kann eine Bildfolge zum Ohrwurm werden.

 „Interieur“ etwa ist so angelegt, dass das Geräusch der Schritte, das die Beschaffenheit des Bodens wiedergibt und Annäherung oder Entfernung anzeigt, den Betrachter auffordert, mitzukommen zur Begehung der Raumfolge. Bild und Ton ziehen ihn hinein in den Sog der verwüsteten, leeren Etage eines verlassenen Bürogebäudes. Atmosphäre und Dichte des Motivs werden hier ähnlich transportiert wie auf Lindners Gemälden oder Fotografien. Insbesondere  als großformatige Projektion kann es dem Betrachter durchaus das Gefühl vermitteln, sich selbst im Bildraum zu befinden. Er wird dann in das Bildgeschehen mit einbezogen, wird selbst zum (Mit)Betroffenen.   

Unterschiedliche historische Situationen, an denen Veränderungen durch gesellschaftliche Ignoranz konstatiert werden, könnten nicht eindringlicher und dabei zugleich nicht einfacher ins Bild gesetzt werden, wie in den Sequenzen  „55 Jahre“ oder „Gleis 17“. Die Kargheit der Mittel, die Reduktion der visuellen Information auf ein Minimum ist der Kunstgriff, mit dem die Intensität des Eindrucks auf die Spitze getrieben wird, ein Stilmittel Lindners, das von Anfang an sein Werk bestimmt. Alle Videos sind als Endlosschleifen angelegt, was eine gewisse Melancholie auslöst, eine Gefühlslage, die allen seinen Bildern verhalten zu eigen ist, durch die Wiederholung aber nahezu plastisch wird. Eine Ästhetik des Morbiden, die durch das bewegte Bild und den Ton verstärkt wird, Brüche und Störungen einer vermeintlichen Harmonie, Konstatieren von Zuständen und Kommentare, die mit geringfügigen formalen Eingriffen Inhalte verändern und so den Betrachter irritieren.

Eine oberflächlich transparente Harmonie scheint erst wieder hergestellt in der Sequenz „Schritte“, die allein die flüchtigen Fußabdrücke als Schemen einer Abfolge von Schritten notiert und Ungewisses in der Schwebe hält. Manifest sind nur Bilder und Töne.

In der Reihe „Teile / Fragmente“ isoliert  Gernot Lindner exemplarische Szenen aus einer Inszenierung von Jerzy Grotowski oder aus einem Konzert der Pop-Legende Patti Smith, die substantiell und bezeichnend sind . Als Endlosfolge, die den betreffenden Ausschnitt zum rhythmisierenden Moment macht, wird dieser aber auch als der entscheidende, als der „fruchtbare Augenblick“ sichtbar.

Was man im Bild mit den Augen sieht, ist immer das Dokument einer realen Situation. Die Befragung der Realität findet statt durch künstlerische Manipulationen, die das Spannungsfeld zwischen der realen Situation und der aufgebauten Fiktion ausloten. Das geschieht vor allem durch den Ton im Raum, der über das Ohr die innere Vorstellung im Betrachter auslöst. Der Rhythmus ist das untergründige Instrument zur Manipulation der Bilder, eine gezielte Erweiterung der subtilen Methoden Gernot Lindners zur gesteigerten Sensibilisierung gegenüber den feinen Schwingungen der Realität.

                                                                                                     Ines Kohl

 

 

 

 

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