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Blick in die Vergangenheit

Das neue Burghauser Stadtmuseum öffnet im Sommer seine Tore – Ein Rundgang durch die wechselvolle Geschichte der Stadt

 

 

Die Silhouette des Stadtplatzes ist Rot. Ausschließlich Rot. Seine fein abgestimmte Farbigkeit lebt in der Wirklichkeit 50 Höhenmeter tiefer. Doch wer hier oben auf der Burghauser Burg hinter die Kulissen dieser glatten, stilisierten Fassade schaut, taucht ein in die Historie – fundiert, belegt , akribisch recherchiert. Eben Geschichte − und keine Geschichten. Dass es ein Vergnügen wird, im Kemenatentrakt durch die Jahrhunderte zu schreiten, sich einmal als „Bader Bauer“ einer Leichenschau zu widmen und gegenüber im Jägerbataillon gedanklich auf Leben und Tod zu kämpfen, einerseits mit dem goldenen Salzhandel auf derWelle des Erfolgs zu

Woher kommt: „Fersengeld zahlen“?

schwimmen und andrerseits in den Katakomben die schlimmsten Ungerechtigkeiten zu erdulden, mit Wehmut das Innviertel den österreichischen Nachbarn zu überlassen und gleichzeitig mit dem Seefest zu neuen Ufern aufzubrechen – das ist schon jetzt deutlich, wenn Eva Gilch durch die Baustelle des neuen Stadtmuseums führt.

Im Sommer 2016 werden die ersten Besucher zunächst auf zwei modern eingerichteten Stockwerken die Vergangenheit bis zur Gegenwart erleben: Ein Teil des Erdgeschosses bleibt der Museumspädagogik und damit den Kindergartenkindern und Schülern überlassen , der andere Teil wird sich zur Mitmachebene mit Ritterkämpfen und fürstlichen Tafelrunden entwickeln und ein paar Stufen höher darf sich der Betrachter durch die Jahrhunderte treiben lassen. Schützende Folien hängen über den Ausstellungsstücken dieser umfangreichen Sammlung. Denn noch bohrt sich der Lärm der Handwerker in die Gehörgänge der Beobachter. Seit der Landesausstellung , die 2012 die Stadt Burghausen mit Geschichtsbewusstsein flutete, ist klar: Die 18 000 Einwohner und ihre − geschätzt − 400 000 Gäste, die jährlich den Weg auf die Burg finden, bekommen ein neues Ziel. Das Eingangsportal wurde verlegt, ein Fahrstuhl eingebaut und die Infrastruktur in der Trutzburg in Angriff genommen. Dabei sitzt nicht nur die Salzachstadt mit ihren beiden Verantwortlichen Eva Gilch und Corinna Ulbert-Wild mit im Boot, sondern auch die bayerische Schlösser- und Seenverwaltung, die als Vermieter ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat. Wobei der Mieter, der seit 1899 seinen Obulus bezahlt, wohl schon selbst Bestandsschutz in der knapp 1000 Jahre alten Festung genießt.

„Bei uns bröselt es“, sagt Eva Gilch lächelnd und bläst im Raum der Museumspädagogik ein Stück Putz von einem Blatt Papier. Auf schwarz umrandeten Quadraten werden Redewendungen aufgeführt: Fersengeld zahlen, eine Lanze für jemanden brechen, auf die hohe Kante legen – sind Beispiele dafür, was Kinder im Parterre des ehemaligen Kemenatentrakts lernen. Auch einen güldenen Handspiegel oder das eigene Familienwappen können die jungen Museumsbesucher gestalten und sich so demLeben der Hedwig nähern, die hier 27 Jahre residierte.

Zwei Ebenen darüber wird die ganze Familie historisch auf den neuesten Stand gebracht und muss dafür erst einmal weit zurückgehen. Bis in die Steinzeit reichen die Funde, auf die Eva Gilch in den Glaskästen verweist. Der kleine Raum handelt übersichtlich die Frühzeit durch die Bronze- und Eisenzeit bis hin zu den Römern anhand von Lochaxt und Tonschalen ab.Zwarwar Burghausenkein Oppidum und auch kein Castrum, also keine römische Stadt und kein römisches Lager, doch war das Tal an der Salzach besiedelt. Scherben zeugen vom Leben der frühen Vorfahren im Flussdelta.

In Wellenbewegungen verläuft die Burghauser Stadtgeschichte mit den beiden mächtig sprudelnden , zeitlich weit auseinanderliegenden Verdienstquellen „Salzhandel“ und „chemische Industrie“. Die erste urkundliche Erwähnung als Reichsgut ist auf 1025 datiert. Ab 1255 beginnt der politische und wirtschaftliche Aufschwung als Residenz der Wittelsbacher , gebettet im Wohlstand, den das weiße Gold in die Herzogstadt brachte. „Es waren herrliche Zeiten“, unterstreicht Eva Gilch und führt durch das blühende Leben eines aufstrebenden Bürgertums. Am Regierungssitz der Wittelsbacher war auch die Hochgerichtsbarkeit verankert. So konnte hier nicht nur der Säufer bestraft werden, der rauchte, trank, seiner Spielsucht frönte und im Vollrausch dann auch noch Frau und Kinder verprügelte, sondern auch der überführte Schwerverbrecher zum Tode verurteilt werden. Unter einer Plastikplane, vom Baustellenstaub geschützt, verbirgt sich das Schwert des letzten Scharfrichters der Stadt, das Werkzeug des Johann Jakob.

„Die Farben transportieren In- Blick in die Vergangenheit Das neue Burghauser Stadtmuseum öffnet im Sommer seine Tore – Ein Rundgang durch die wechselvolle Geschichte der Stadt halt“, erläutert Eva Gilch das Konzept des Museums. Nach der orangeroten Harmonie des reichen Bürgertums schreit eine kantige Trockenbauarchitektur in kühlem Grün und Blau das Entsetzen über den Abstieg einer ganzen Stadt seinen Betrachtern entgegen. Wie in einem Labyrinth flüchten sich in versteckte Winkel all die Gründe, warum Burghausen in der Bedeutungslosigkeit versank: 1595 reißt sich der Herzog das Salzhandelsmonopol unter den Nagel. 1779 fällt das Hinterland weg, das Innviertel geht an Österreich,

Fall und Aufstieg der Stadt

Burghausen wird Grenzstadt. Lähmendes Entsetzen macht sich breit. Und erst spät, erst im ausgehenden 19. Jahrhundert öffnet sich ein Lichtblick. Das pittoreske Stadtbild wird vermarktet: Touristen sollen Geld in die Kassen spülen. Und die Einheimischen feiern mit den Fremden rauschende Feste: Die Meier-Helmbrecht-Spiele, das Seefest, das historische Burgfest. Es geht aufwärts.

So richtig aufwärts aber geht’s erst, als die Industrie vor 100 Jahren die Kraft desWassers entdeckte und sich das Chemiedreieck im Südosten Bayerns entwickelte. Das überdimensionale Wacker- Werkstor und silber funkelnde Säulen symbolisieren die Wertigkeit. Burghausen wird wieder reich. Dass die Stadtgeschichte hier nicht endet, sondern über die Zeit des Nationalsozialismus hinausgeht, ist ein Verdienst der Museumsleitung. Schließlich ist die Vergangenheit kein Vorzeigeobjekt , das seine dunklen Ecken hinter einer hochglänzenden Fassade verbirgt. Die Geschichte , wie sie im Stadtmuseum präsentiert wird, will entdeckt werden: Der Besucher darf ruhig auch hinter die Kulissen schauen.

Quelle: Burghauser Anzeiger vom 28.01.2016 von Michaela Resch /-Fotos: resch


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