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Gegen das Vergessen

Redaktionssitzung: (von links): Jonas Eschenfelder, Robin von Iven, Bianca Marner, Hannes Schwankner, Leander Bösl, Leo Bösl, Luca Schwitzko, Martin Tanfeld.

Burghauser Jugendliche halten Berichte von Zeitzeugen über das Dritte Reich auf Video fest.

"Damit bekommt man ein ganz anderes Verständnis für diesen Teil deutscher Geschichte", erklären die Mitglieder der Filmgruppe des Burghauser Jugendbüros. Für das geplante Heimatmuseum sind sie mit der Kamera unterwegs und interviewen Zeitzeugen aus der Region über das Dritte Reich. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Jugendlichen mit der Zeit des Nationalsozialismus befassen: Im letzten Jahr reisten sie an historische Orte wie Ausschwitz und drehten einen Film über rechtes Gedankengut. Das Interesse der Jugendlichen am Thema blieb, so haben sie sich nun die Zeitzeugen vor die Kamera geholt. Am Donnerstag war wieder einmal Redaktionssitzung. "Das war nicht irgendwo. Das war genau hier in Burghausen", sagt der 15-jährige Jonas Eschenfelder.

Die Schreckenhinterlassen Spuren
Dass vor gerade mal 80 Jahren Hakenkreuzfahnen in der Stadt und auf der Burg hingen, werde in der Schule vielleicht noch vermittelt neben den üblichen Zahlen, Daten und Fakten. Bei den Zeitzeugen ist die Erinnerung intensiver. "Wir haben hier die Chance, höchstpersönliche Eindrücke und Erlebnisse zu erfahren, sie festzuhalten und für andere zugänglich zu machen." Das führt unweigerlich zu den Gräueltaten der Nazis. So haben die Jugendlichen von einem der Zeitzeugen aus der Region erfahren, wie er als Häftling in einem KZ zusehen musste, wie ein Wachmann einer jungen Mutter das Baby abnehmen wollte. Die hat es aber nicht losgelassen. "Der Wachmann hat es in der Mitte auseinander gerissen."

Derartige Erlebnisberichte gehen an der Filmgruppe nicht spurlos vorüber. Sie erzählen von betretenem Schweigen über "Ich habe geheult" bis hin zu Schlafstörungen. Von der Arbeit hält das aber keinen ab. Betreut werden sie von Jugendpfleger Hannes Schwankner. Die Filmgruppe des Burghauser Jugendbüros gibt es seit zwei Jahren. Den Film im letzten Jahr haben die Jugendlichen im Rahmen der Ausbildung zum Jugendleiter gemacht. Der 17-jährige Luca Schwitzko war damals noch nicht dabei. "Wenn ich höre, wie betroffen meine Kollegen noch heute davon sind, dann geht mir das sehr nah", sagt er. "In diesen Lagern wurde einem das Menschsein gewaltsam ausgetrieben."

Vor 70 Jahren haben Truppen der Roten Armee das KZ Ausschwitz-Birkenau befreit. Leander Bösl und sein Bruder Leo (17) erinnern sich schockiert auch an andere Besucher während ihrer Dreharbeiten dort. "Die stehen dann unter dem ‚Arbeit macht frei‘-Schriftzug und machen lustige Selfies." Für den Film über Ausschwitz-Birkenau haben die Jugendlichen nicht nur mit Zeitzeugen gesprochen, sondern auch viele Originaldokumente studiert. "Da gab es Krankenschwestern, die hilflos zusehen mussten, wie Ratten so groß wie Katzen kleinen Babys das Genick durchgebissen haben", weiß der 17-jährige Robin von Iven. Jugendpfleger Hannes Schwankner ist gerade auch die Perversion von Bürokratie in bleibender Erinnerung geblieben. So weiß man heute beispielsweise von einer KZ-Bauvorschrift, wonach in den Duschen für Frauen Fliesen mit Seifenhaltern eingebaut sein mussten. "Da kam natürlich keine Seife rein. Hauptsache der Vorschrift ist genüge getan."

Aus dem "Gesellenstück" von angehenden Jugendleitern ist nun das Projekt "Zeitzeugen" für das geplante Heimatmuseum geworden. Neun Jugendliche arbeiten mit. Das federführende Stadtarchiv hat den ihnen einen kleinen Leitfaden mit an die Hand gegeben.

Film für das neue Stadtmuseum
"Du musst den Leuten zuhören", sagen sie über die Arbeit mit den Zeitzeugen. "Das verlangt allein schon der Anstand." Derzeit schneiden sie ihre ersten Interviews. Im neuen Museum wird es ein Stockwerk über die NS-Zeit in der Region geben. Dort werden die Filme der Jugendlichen zu sehen sein. "Natürlich ist ‚Das darf nie mehr passieren‘ meist eine Floskel", erklären sie. Es komme darauf an, wer es sagt. "Klar, sind wir Deutschen heute nicht mehr daran schuld, aber wenn einem ein Überlebender in die Augen schaut und sagt ‚Ihr habt es in der Hand‘, dann ist es fast schon Pflicht, etwas zu tun." In ihrem ehrgeizigen Projekt stoßen die Jugendlichen aber auch an Grenzen. So suchen sie händeringend nach Sponsoren für eine neue Videoausrüstung, ihre Fahrten und entsprechende Drehgenehmigungen.

Quelle: Burghauser Anzeiger vom 11.02.2015 /-Raphael Weiss Fotos: Weiss u. Haus der Fotografie

Am Schnittplatz sichtet Jonas Eschenfelder das Film- Material und schneidet die Sequenzen.

NS-Zeit in Burghausen: Erschreckend sind Bilder wie dieses, auf dem Hakenkreuz-Fahnen aus den Fenstern am Stadtplatz hängen. − Foto: Haus der Fotografie

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