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Burghausen als Residenzstadt

 

Häuserfront Altstadt

Die bayerischen Landesteilungen, die "vielbeklagten, berüchtigten", so der Historiker Benno Hubensteiner, "schleudern Burghausen nicht hinab", sondern tragen die Stadt empor.

 

Für Herzog Heinrich XIII. von Niederbayern wird Burghausen bereits zur Nebenresidenz. An seinen Namen knüpft sich die erste Landesteilung, es gibt deren aber drei und jedesmal spielt Burghausen seine Rolle, niemals aber, meint Hubensteiner, "stolzer als nach der Teilung von 1392, die unser Land in Bayern-München, Bayern-Ingolstadt und Bayern-Landshut auseinanderlegt".

 

Das monumentalste aller Zeugnis ablegenden Bauwerke ist die einzigartige Burganlage, Mitte des 13. Jahrhunderts von Herzog Heinrich mit dem Ausbau begonnen, von Herzog Georg dem Reichen Ende des 15. Jahrhunderts weiter ausgebaut zur größten Burganlage Europas.

 

Häuserfront an der Salzlände

Schon zu Zeiten Heinrichs entsteht aber auch in der Stadt selbst, am Fuße der Burg, eine gehobene, angesehene und welterfahrene Bürgerschicht, deren Führung die reichen Salzhändler bilden. Über die Rolle der Burg als Nebenresidenz der Landshuter Herzöge schreibt der "Vater der Burghauser Geschichtsschreibung" Johann Georg Bonifaz Huber: "Man kann mit Recht sagen, Burghausen war dritthalb Jahrhunderte hindurch das Frauenzimmer und die Kinderstube, der lustige Tummelplatz der fürstlichen Jugend und der ruhige Witwensitz der niederbayerischen Zweige des Hauses Wittelsbach".

 

Eine dieser Herzoginnen, Hedwig, einst Braut der 1475 mit Glanz und Prunk gefeierten Landshuter Hochzeit, lebt dort, stirbt dort, wird in Raitenhaslach begraben. Der Legende nach war sie vom Landshuter Hof ihres Gatten Herzog Georg des Reichen verbannt und lebte in Burghausen einsam und verlassen.

 

Neue Forschungen des Burghauser Stadthistorikers Dr. Johann Dorner zeigen jedoch, dass Hedwig und Georg eine durchaus harmonische Ehe führen. Georg, der sich meist am Regierungssitz in Landshut aufhält, schickt häufig Geschenke durch Boten nach Burghausen. Er kommt mehrere Tage im Jahr zu seiner Frau und beide nehmen an Jagden in der Umgebung teil. Hedwig lebt inmitten eines umfangreichen Hofstaates mit über 100 Personen, empfängt Besuche aus Polen, kauft großzügig bei den Burghauser Kaufleuten ein und feiert Faschingsgesellschaften. Zum engeren Hofstaat Hedwigs gehören auch ein Hofzwerg und ein Hofnarr, die für Unterhaltung sorgen.

 

Häuserfront an der Messerzeile

Zwei Stadtbrände (1353 und 15O4) sollten das Gesicht der Stadt im Schatten der Burg entscheidend beeinflussen. Nach dem zweiten Brand baut man die Häuser wieder auf, "besser und schöner als zuvor", so Benno Hubensteiner. Zu diesem Zeitpunkt aber verliert Burghausen durch den Landshuter Erbfolgekrieg, der um das Erbe Herzog Georgs des Reichen entbrannt war, und bei der anschließenden "Wiedervereinigung Bayerns" den Residenzcharakter. Doch wird die Stadt Sitz eines Rentamtes (seit 1392 bereits Viztumamt) und zählt zu den vier Hauptstädten des Landes neben München, Landshut und Straubing.

 

Glanzpunkte der Gotik gibt es noch heute in Hülle und Fülle, Glanzpunkte, die vor allem auch die herausragende Stellung der Burghauser Baumeister eindrucksvoll unterstreichen. Zu nennen wären vor allem Konrad und Oswald Pürkhel, Hans Wechselperger, Hans und Jörg Perger (letzterer Erbauer der Stiftskirche in Altötting) und Ulrich Häntler.

 

Der berühmteste von allen: Meister Hans von Burghausen, der in der Bauhütte der St.-Jakobs-Kirche sein Handwerk erlernt haben dürfte. "Der Vater der Bairischen Spätgotik" (Hacker) baut bedeutsame Kirchen in Altbayern, unter anderem die Martinskirche in Landshut, die Nikolauskirche in Neuötting und den Chor der Franziskanerkirche in Salzburg. Doch Burghausen hat nicht nur eine Bauhütte von Rang, auch die Steinmetzkunst der Gotik stand in hohem Ansehen. Hier wäre Franz Sickinger zu nennen, dessen Rotmarmorgrabsteine im Raum zwischen Landshut, Passau und Chiemsee heute noch erhalten sind.

 

 

Niedergang und Höhenflüge

 

Häuserfront am Stadtplatz

Es sind, politisch wie wirtschaftlich, nicht die leichtesten Zeiten, die die Burghauser im 17. und 18. Jahrhundert erleben. Dabei läßt es sich zunächst einmal nicht so schlecht an und findet 1688 einen absoluten Höhepunkt, als "der Kurfürst Burghausen feierlich zur Hauptstadt erklärt, nachdem sie als solche schon seit Jahrhunderten gegolten hat".

 

1627 kommen die Jesuiten nach Burghausen, 1629 wird beschlossen, ein Kollegium mit Gymnasium und Kirche zu bauen, 1654 wird das Kapuzinerkloster gegründet und 1683 kommen die Englischen Fräulein in die Salzachstadt.

 

Dann aber folgt dieses für die Stadt so unselige 18. Jahrhundert mit seinen Erbefolgekriegen und dem Frieden von Teschen, der sich so nachteilig für die Stadt auswirken sollte. Zunächst einmal aber veränderte sich nach außen hin das Gesicht der Stadt - der neuen Mode entsprechend. Barock und Rokoko beherrschen die Szene.

 

Zwar bleibt die Altstadt in ihrer Gesamtanlage dieselbe wie im Sandtner-Modell von 1574, die Hausfassaden aber verändern sich. "So steht", schreibt Prof. Hermann Selzer, "das äußere Gewand der Burghauser Bürger- und öffentlichen Gebäude nicht selten sehr im Gegensatz zum inneren Aufbau".

 

Jakobskirche mit Burg

Während die meisten Häuser im Inneren vom Keller bis zum Dachboden hinauf gotisch bleiben, erfreuen sie sich "weitaus künstlerisch gebildeter Fassaden" aus der Barock- und Rokokozeit und sind, wie Hacker meint, "größtenteils von hervorragender Schönheit und zeigen nicht bloß die hohe künstlerische Befähigung der Baumeister, sondern auch die Tüchtigkeit der Maurer, die sie gefertigt haben".

 

Von den Baumeistern, die das Gesicht der Stadt neu prägen, ragen in der Barockzeit vor allem die beiden "welschen" Meister Dominikus Christoph Zuccalli (Bürgeraufnahme 1697) und Johann Baptist Canta (Bürgeraufnahme 17O9) hervor. Doch das Kunstschaffen in der Barockzeit beschränkt sich nicht nur auf die Kunstfertigkeit der Baumeister und Maurer, die Kunstszene der Barockzeit ist viel umfangreicher.

 

Da sind zunächst einmal die Bildhauer von hohem Ansehen in der ganzen Region: Johann Ferdinand Oxner, Johann Jakob Schnabel und vor allem der 1758 aus Kärnten zugewanderte Bildhauer Johann Georg Lindt. "An Malern war die Stadt noch reicher als an Bildhauern", so Huber. In der Tat erlebt Burghausen in der Malerei eine wahre Glanzzeit.

 

Tobias und Franz Ignaz Schinagl (von Tobias stammt die Stadtansicht im Ratssaal des Rathauses), Franz Josef Kammerloher, Innozenz Anton Warathi, Johann Martin Seltenhorn und Peter Kajetan Forster sind einige der Maler, die in Burghausen wirken. Der bekannteste von allen aber: Johann Nepomuk della Croce, der 1758 aus Pressano bei Trient zuwandert und im selben Jahr wie der Bildhauer Lindt das Burghauser Bürgerrecht erhält.

 

Tor in den Grüben

Della Croce, der weit über die Stadtgrenzen Burghausens hinaus wirkt, malt Hunderte von Bildern, wobei vor allem seine Porträts sehr geschätzt werden. Während die Kunst, das Kunst- und Bauhandwerk eine wahre Blüte erlebten, trifft Burghausen aber ein wirtschaftlich verheerender Schlag: Der Frieden von Teschen trennt 1779 das Innviertel von der Stadt ab, die nun Grenzstadt wird und langsam herabsinkt zur bedeutungslosen Kleinstadt.

 

Zahlreiche Gebäude wie das Taufkirchen-Palais und andere Bürgerhäuser am Stadtplatz ebenso wie das Kurfürst-Maximilian-Gymnasium, das Gebäude der Englischen Fräulein mit der Schutzengelkirche, das Kapuzinerkloster, vor allem aber auch die Rokoko-Perle des Salzachtales, die Wallfahrtskirche in Marienberg, und das Barockjuwel, die Klosterkirche Raitenhaslach legen aber noch Zeugnis ab vom Glanz der Hauptstadt.

 

Und auch die Stadtpfarrkirche St. Jakob erhielt mit der barocken Kuppel 1722 ein typisches Attribut der neuen Zeit. Stilfanatiker mögen dies zwar bedauern, aber, so schreibt Hacker, "wir empfinden gerade dieses Hineinwachsen vom Gotischen ins Barocke nicht nur als ein Stück steingewordener Chronik, sondern auch als einen der typischen Gesichtszüge unserer lieben alten Stadt".

 

Die Residenzstadt Burghausen bildet aber auch ein Zentrum geistiger Aktivitäten. In den Versammlungen der Sittlich-ökonomischen Gesellschaft, gegründet als Gegenstück zur Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, treffen sich die Fortschrifttsgläubigen des Rentamts. In Vorträgen und Veröffentlichungen werden Sprachverbesserungen angeregt und Ackerbau und Viehzucht gefördert.

 

 

Die letzte Blüte

 

Jakobskirche mit Burg

Wie haben sich doch die Zeiten verändert. Burghausen, Residenz- und Hauptstadt, geistiger, kultureller und handwerklicher Mittelpunkt, mit seiner Ausstrahlungskraft in die ganze Region, ärmelt vor sich hin, steht am Rande der Geschichte, obwohl, wie das "Salzach-Kreisblatt" damals euphorisch-wohlgefällig meint: "Heute erschien Er in unserer Mitte - hier in Burghausen, - Burghausen ist heute durch Ihn der Mittelpunkt von Europa.

 

Denn, wo Er sich befindet, ist der Mittelpunkt von Europa! Man schreibt das Jahr 1809 und "Er" - das ist kein Geringerer als Napoleon. Schönfärberei, denn, so meint Huber, verschwiegen werde, dass die Stadt durch "Ihn" vier Tage lang auch "der Mittelpunkt allen Elends wurde. Die Pfarrkirche beherbergte Kriegsgefangene, in der Jesuitenkirche standen Pferde, das Kapuziner-Kloster war mit Soldaten überfüllt, das Spital lag voll von kranken Franzosen und Österreichern. Zu ebener Erde mußten die Bewohner ausziehen, um Pferden Platz zu machen, jeden Winkel des Hauses überdies den Soldaten überlassen".

 

Eingangstor in den Grüben

Jedenfalls ist die Stadt nach dem Abzug der Franzosen "so sehr von allen Lebensmitteln entblößt", so Huber, "dass die Einwohner hätten verhungern müssen, wenn ihnen nicht aus entfernteren Gegenden Lebensmittel zugeflossen wären. Namentlich waren es die Bürger von Tann, die der Stadt voll Menschenfreundlichkeit mit Brot, Eier und Schmalz zu Hilfe kamen".

 

Aber auch das Stadtbild dürfte nicht mehr den besten Eindruck hinterlassen haben. Schon 1779 hatte Österreichs Kaiser Joseph II. ein vernichtendes Urteil gefällt: "Burghausen selbst ist bloß ein Darm von schlechten Gebäuden". Dass dennoch ein "künstlerischer Geist über dem Stadtbild waltet" (Hacker), mag in erster Linie auf die Baumeisterfamilie Glonner zurückzuführen sein: Franz Anton Glonner (1750-1834) und sein Sohn Joseph Glonner (1780-1842). Gerade Franz Anton Glonner (er erhält 1777 das Bürgerrecht) bringt in Burghausen die Baukunst im späten 18. Jahrhundert während des Übergangs vom Rokoko in den Klassizismus noch einmal zu großer Blüte.

 

Dabei ist es weniger die Zahl der Neubauten, als vielmehr die Art, wie er die bescheidenen Aufträge ausführt. Bestechend sind vor allem die kunstvollen Fassaden an verschiedenen Bürgerhäusern der Altstadt, die sich in dieser Zeit ein neues Gewand im Louis-Seize-Stil überstülpen.

 

"Das Haus, das sie bewohnten (In den Grüben) mit seiner leider nur mehr der Erinnerung angehörenden Fassade, seinem reizvollen inneren, glücklicherweise erhalten gebliebenen Ausbau, seiner Ausstattung an Möbeln, Gemälden und Kunstgegenständen, ihr entzückendes Landhaus in St. Johann bei Burghausen (das Reisergütl) und der künstlerische Nachlaß dieser Baumeister (seit 1962 im Besitz der Stadt, darunter auch ein Stadtplan und das genaue Verzeichnis der Hausbesitzer von 1777) sind die besten Zeugen dafür, dass sie einen bestimmten Einfluß auf die äußere Umgestaltung der Stadt ausgeübt haben müssen. Sie nannten sich nicht Architekten, sondern Maurermeister, aber der künstlerische Wert dessen, was sie geschaffen haben und was sie hinterließen, muß außerordentlich hoch eingeschätzt werden", urteilte Friedrich Hacker. Und vielleicht zeigt sich das ein oder andere dieser von Joseph II. herabgesetzten schlechten Gebäude schon zu Zeiten Napoleons in einem neuen Gewand.

 

Das ändert jedoch auch nicht mehr viel daran, dass Burghausen auf dem Weg zu einer stillen Kleinstadt ist. Die Stadt spielt wieder eine Nebenrolle in der Geschichte: Bereits 1802 wird durch kurfürstliches Dekret die Regierung aufgehoben und 1807 der Titel "Hauptstadt" aberkannt.

 

Die Drangsale der napoleonischen Kriege ab 1800 mögen dabei eine Rolle gespielt und den "letzten Rest eines vielleicht noch vorhandenen Wohlstandes brutal vernichtet haben", so Buchleitner. Doch damit nicht genug, denn "nicht nur politisch und wirtschaftlich", so der Stadtheimatpfleger weiter, "war Burghausen zur unbedeutenden Kleinstadt herabgesunken, stark geschwunden war auch die geistig-kulturelle Ausstrahlungskraft, die ihm Jahrhunderte hindurch entsprechend seiner politischen Vorrangstellung zu eigen war, und von der die Bau- und Kunstdenkmäler, Schulen und Klöster zeugen".


 

 

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